Jedes Jahr am 6. Oktober feiert die katholische Kirche den Heiligen Bruno, Priester und Gründer des Kartäuserordens.
Der im 11. Jahrhundert geborene Heilige Bruno hätte eine glänzende kirchliche Laufbahn einschlagen können. Als gebildeter Mann, anerkannter Lehrer und gefragter Ratgeber entschied er sich jedoch nach und nach, sich von den Ehren zurückzuziehen, um etwas viel Einfacheres und Radikaleres zu suchen: Gott in der Stille, der Einsamkeit und im Gebet.
Sein Name ist bis heute untrennbar mit der Grande Chartreuse verbunden, die in den Bergen nahe Grenoble gegründet wurde, sowie mit dem Kartäuserorden, dessen kontemplatives Leben zu den anspruchsvollsten innerhalb der katholischen Kirche zählt.
Fast tausend Jahre nach seinem Tod spricht der heilige Bruno uns noch immer an.
In einer Welt, in der sich alles immer schneller dreht, in der uns Lärm fast ununterbrochen begleitet und unsere Aufmerksamkeit ständig beansprucht wird, wirft sein Leben eine wesentliche Frage auf:
Sind wir noch fähig, still zu werden, um auf Gott zu hören?
Wer war der heilige Bruno?
Der heilige Bruno wurde um 1030 in Köln, im heutigen Deutschland, wahrscheinlich in einer wohlhabenden Familie geboren.
Schon in jungen Jahren erhielt er eine fundierte intellektuelle und religiöse Ausbildung. Er setzte sein Studium insbesondere in Reims fort, das damals eines der großen intellektuellen Zentren des christlichen Abendlandes war.
Bruno zeichnete sich schnell durch seine Intelligenz, seine Bildung und seine spirituellen Qualitäten aus.
Er wurde Priester und lehrte anschließend Theologie.
Fast zwanzig Jahre lang leitete er die Domschule von Reims und erlangte einen bemerkenswerten Ruf. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem der spätere Papst Urban II..
Alles schien Bruno damals für eine bedeutende Karriere in der Kirche vorbestimmen.
Doch sein Herz sehnte sich nach und nach nach etwas anderem.
Die Ehren hinter sich lassen, um Gott zu suchen
Bruno entdeckt, dass die Verantwortlichkeiten, die Ehren und die Angelegenheiten der kirchlichen Welt nicht dem tiefen Verlangen entsprechen, das in ihm wächst.
Er sucht ein Leben, das ganz auf Gott ausgerichtet ist.
Nicht unbedingt ein Leben voller Tat, sondern ein Leben der Kontemplation.
Ein Leben, in dem die Stille das Zuhören ermöglicht.
Ein Leben, in dem die Einsamkeit zu einem Ort der Begegnung mit Gott wird.
Ein Leben, in dem das Gebet nicht mehr nur ein Moment des Tages ist, sondern nach und nach zum Mittelpunkt der gesamten Existenz wird.
Zusammen mit einigen Gefährten, die denselben Wunsch teilten, suchte Bruno daraufhin nach einem Ort, an dem sie diese Berufung leben konnten.
Diese Suche führte sie in die Berge des Dauphiné.
Die Begegnung mit dem heiligen Hugo von Grenoble
Im Jahr 1084trafen Bruno und sechs Gefährten beim heiligen Hugo, dem Bischof von Grenoble, ein.
Der Überlieferung zufolge soll Hugues kurz zuvor einen Traum gehabt haben, in dem er sieben Sterne sah, die auf einen einsamen Ort in den Bergen hinwiesen.
Als Bruno und seine sechs Gefährten vor ihm erschienen, soll der Bischof in diesen sieben Männern die Erfüllung seines Traums erkannt haben.
Er führte sie daraufhin zu einem besonders wilden und abgelegenen Ort im Chartreuse-Massiv.
Die Gegend ist karg.
Die Berge sind schroff, die Winter streng und die Isolation nahezu vollständig.
Doch für Bruno und seine Gefährten verkörpert dieser Ort genau das, wonach sie suchen:
eine Wüste, in der sie Gott begegnen können.
Dort beginnt das spirituelle Abenteuer, aus dem die Grande Chartreuse hervorgehen wird.
Die Entstehung des Kartäuserordens
Bruno scheint nicht danach gestrebt zu haben, einen großen religiösen Orden zu gründen.
Sein Ziel war viel einfacher: mit einigen Brüdern ein Leben zu führen, das dem Gebet und der Kontemplation gewidmet ist.
Doch diese kleine Gemeinschaft wurde nach und nach zum Ursprung des Kartäuserordens.
Das kartäusische Leben weist eine bemerkenswerte Besonderheit auf: Es verbindet die Einsamkeit des Eremiten mit dem brüderlichen Leben des Mönchs.
Jeder Ordensbruder verfügt traditionell über einen persönlichen Raum, in dem er betet, studiert, arbeitet und einen Teil seiner Mahlzeiten in Einsamkeit einnimmt.
Aber die Mönche kommen auch zu bestimmten liturgischen Feiern und gemeinschaftlichen Anlässen zusammen.
Die Einsamkeit ist also keine Abkehr von den anderen.
Sie wird angestrebt, um eine tiefere Begegnung mit Gott zu ermöglichen.
Die Stille im Zentrum des Lebens des Heiligen Bruno
Wenn man an die Kartäuser denkt, kommt einem sofort ein Wort in den Sinn:
die Stille.
Doch christliche Stille ist nicht einfach nur das Fehlen von Worten.
Für den heiligen Bruno ermöglicht die Stille, in sich selbst einen Raum zu schaffen, in dem Gott gehört werden kann.
Wir leben oft umgeben von Lärm.
Äußerer Lärm: Gespräche, Fernsehen, Musik, Benachrichtigungen, Nachrichten.
Aber auch innerer Lärm: Sorgen, Erinnerungen, Pläne, Frustrationen, Ängste.
Selbst wenn um uns herum alles still ist, kann unser Geist weiter in alle Richtungen rasen.
Die Spiritualität des Heiligen Bruno lädt uns daher ein, nach und nach zur Stille des Herzens zurückzufinden.
Stille zu schaffen bedeutet nicht, Leere um der Leere willen zu schaffen.
Es bedeutet vielmehr, Gott mehr Raum zu geben.
Einsamkeit: Flucht aus der Welt oder Rückbesinnung auf das Wesentliche?
Brunos Entscheidung, in die Berge zu gehen, könnte als Flucht aus der Welt verstanden werden.
Doch die christliche Einsamkeit hat eine andere Bedeutung.
Der Mönch verlässt die Welt nicht, weil er sie verachtet.
Er entfernt sich von ihr, um sie besser in seinem Gebet zu tragen.
In der Stille seiner Zelle betet der Kartäuser nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Kirche und für die Welt.
Dieser Gedanke ist von grundlegender Bedeutung.
Ein scheinbar verborgenes Leben kann eine tiefe geistliche Fruchtbarkeit besitzen.
Der heilige Bruno erinnert uns damit daran, dass unser Wert nicht allein davon abhängt, was wir leisten, was wir zeigen oder welche Anerkennung wir erhalten.
Ein bescheidenes, stilles und Gott geweihtes Leben kann von unschätzbarem Wert sein.
Als der Papst Bruno nach Rom rief
Brunos Einsamkeit in den Bergen währte jedoch nicht so lange, wie er es sich gewünscht hätte.
Im Jahr 1090ruft ihn sein ehemaliger Schüler, der inzwischen Papst geworden war, Urban II., nach Rom.
Der Papst möchte von seiner Erfahrung und seinem Rat profitieren.
Für Bruno bedeutet dieser Ruf ein echtes Opfer.
Er muss die Einsamkeit der Kartause verlassen und sich wieder in die Hektik der kirchlichen Angelegenheiten begeben.
Aus Gehorsam willigt er ein.
Doch sein Wunsch nach einem kontemplativen Leben bleibt ungebrochen.
Urban II. begreift schließlich, dass Bruno nicht dazu bestimmt ist, dauerhaft am päpstlichen Hof zu leben.
Er gestattet ihm daher, wieder ein zurückgezogenes Leben zu führen.
Eine neue Einsamkeit in Kalabrien
Bruno kehrt jedoch nicht in die Grande Chartreuse zurück.
Die Umstände führen ihn nach Süditalien, nach Kalabrien.
Er lässt sich an einem einsamen Ort namens La Torre in der Nähe des heutigen Serra San Bruno nieder.
Dort gründet er eine neue Gemeinschaft und findet endlich jenes Leben der Stille, des Gebets und der Kontemplation wieder, nach dem er sich zutiefst gesehnt hatte.
Dort verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens.
Der heilige Bruno starb am 6. Oktober 1101.
Dieses Datum wurde zu seinem liturgischen Gedenktag.
Warum wird der heilige Bruno mit einem Schädel dargestellt?
In der christlichen Ikonographie wird der heilige Bruno oft in der weißen Ordenskleidung der Kartäuser dargestellt.
Manchmal wird er auch von einem Schädel begleitet.
Dieses Symbol mag in unserer Zeit düster wirken, doch es besitzt eine uralte spirituelle Bedeutung.
Der Schädel ist ein memento mori: eine Erinnerung daran, dass unser irdisches Leben vergänglich ist.
Es handelt sich dabei nicht um eine Faszination für den Tod.
Es ist vielmehr eine Aufforderung, sich auf das Wesentliche zu besinnen.
Unser Reichtum, unsere Erfolge, unser Besitz und unsere Sorgen werden irgendwann vergehen.
Die Frage lautet dann:
Was haben wir aus unserem Leben gemacht?
Haben wir geliebt?
Haben wir vergeben?
Haben wir Gott gesucht?
Haben wir genug Zeit für das aufgewendet, was wirklich zählt?
Was kann uns der heilige Bruno heute lehren?
Natürlich sind nicht alle von uns dazu berufen, Kartäuser zu werden.
Aber wir alle können etwas von ihrer Spiritualität lernen.
Der heilige Bruno lädt uns zunächst dazu ein, die Stille wiederzufinden.
Ein paar Minuten können schon ausreichen.
Das Handy ausschalten.
Den Fernseher ausschalten.
Sich vor ein Kreuz oder ein Bild von Christus setzen.
Zunächst nichts erbitten.
Einfach vor Gott stehen.
Die Stille mag zunächst unangenehm erscheinen.
Unsere Gedanken tauchen auf.
Unsere Sorgen kehren zurück.
Doch nach und nach kann diese Stille zu einem echten inneren Atemzug werden.
Eine „Wüste“ in unserem Alltag wiederfinden
Wir müssen nicht in die Berge der Chartreuse aufbrechen, um eine Wüste zu finden.
Unsere Wüste kann ein kleiner Raum in unserem Haus sein.
Eine Gebetsecke.
Eine Kirche, in die wir für ein paar Minuten hineingehen.
Ein einsamer Spaziergang.
Ein paar Augenblicke, bevor das Haus erwacht.
Oder ein paar Minuten am Abend, wenn wieder alles ruhig wird.
Das Wesentliche ist, bewusst einen Raum zu schaffen, in dem Gott wieder den ersten Platz einnehmen kann.
Der heilige Bruno lehrt uns, dass das geistliche Leben Stille braucht, so wie unser Körper Ruhe braucht.
Lernen, zuzuhören, bevor wir sprechen
Unsere Gebete sind oft voller Worte.
Wir bitten.
Wir danken.
Wir sprechen Gebete auf.
Wir vertrauen an.
All diese Formen des Gebets sind wertvoll.
Doch der heilige Bruno erinnert uns an eine weitere Dimension:
das Zuhören.
Können wir, nachdem wir zu Gott gesprochen haben, noch einen Moment in Stille verharren?
Ohne nach einer spektakulären Antwort zu suchen.
Ohne unbedingt auf ein Zeichen zu warten.
Einfach in seiner Gegenwart verweilen.
Das Gebet wird dann weniger zu einer Abfolge von Worten als vielmehr zu einer Begegnung.
Der heilige Bruno und der innere Frieden
Der Frieden, den der heilige Bruno suchte, war nicht einfach die äußere Stille der Berge.
Der wahre christliche Frieden entspringt einem Herzen, das nach und nach lernt, sich Gott hinzugeben.
Wir können allein in einem vollkommen stillen Raum sein und dennoch innerlich unruhig bleiben.
Umgekehrt können wir eine schwierige Zeit durchleben und dennoch tief in unserem Inneren ein tiefes Vertrauen bewahren.
Um diesen Frieden können wir durch die Fürsprache des Heiligen Bruno bitten.
Ein Frieden, der nicht allein von den Umständen abhängt.
Ein Frieden, der von Gott kommt.
Wie können wir den heiligen Bruno am 6. Oktober feiern?
Das Fest des heiligen Bruno kann eine hervorragende Gelegenheit sein, sich für einige Augenblicke der Stille zu widmen.
Wir können damit beginnen, zehn Minuten ohne Handy, ohne Musik und ohne Ablenkung einzuplanen.
Stellen wir uns ein Kreuz, eine Bibel oder eine Kerze vor uns hin.
Machen wir langsam das Kreuzzeichen.
Dann einfach sagen:
„Herr, hier bin ich.“
Anschließend können wir noch einen Moment in Stille verweilen.
Wenn Gedanken auftauchen, die uns ablenken, sollten wir uns davon nicht entmutigen lassen. Kehren wir sanft zu Gott zurück.
Wir können diese Gebetszeit beenden, indem wir dem Herrn eine Person, eine Schwierigkeit oder ein besonderes Anliegen anvertrauen.
So können wir, ohne unser Zuhause zu verlassen, etwas von jener „Wüste“ wiederfinden, die der heilige Bruno in den Bergen gesucht hatte.
? Gebet zum Heiligen Bruno
Heiliger Bruno, Mann der Stille und des Gebets,
du, der du die Ehren der Welt hinter dir gelassen hast,
um Gott in der Einsamkeit zu suchen,
lehre uns, das Wesentliche wiederzufinden.
Wenn der Lärm unser Leben überflutet,
führe uns in die Stille.
Wenn unsere Gedanken zu zahlreich werden,
hilf uns, den Frieden wiederzufinden.
Wenn unsere Sorgen uns am Beten hindern,
lehre uns einfach, vor Gott zu verweilen.
Heiliger Bruno,
du, der du in der Einsamkeit
nicht die Leere, sondern die Gegenwart des Herrn gefunden hast,
hilf uns, in unseren Tagen
Momente zu schaffen, die Gott vorbehalten sind.
Lehre uns, zuzuhören, bevor wir sprechen,
nachzudenken, bevor wir handeln,
und zu unterscheiden, bevor wir entscheiden.
Hilf uns, nicht ständig
nach Ehren, Anerkennung oder den Gütern dieser Welt zu streben,
sondern zu verstehen, dass unser wahrer Reichtum
in der Liebe Gottes liegt.
Wir vertrauen dir heute
unsere Familien,
unsere Sorgen,
unsere Entscheidungen
und alle Anliegen an, die wir in unserem Herzen tragen.
Bitte besonders für diejenigen, die in Unruhe leben,
für diejenigen, die keinen Frieden mehr finden,
für diejenigen, die sich verloren fühlen,
und für diejenigen, die ihren Weg suchen.
Möge der Herr uns durch deine Fürsprache
ein stilleres Herz,
einen tieferen Glauben
und ein immer größeres Vertrauen schenken.
Heiliger Bruno,
führe uns in die Stille,
damit wir die Stimme Gottes besser hören können.
Heiliger Bruno, bitte für uns.
Amen. ?
Der heilige Bruno – eine erstaunlich moderne Botschaft
Fast tausend Jahre trennen uns vom heiligen Bruno.
Und doch scheint seine Botschaft heute vielleicht noch notwendiger zu sein als im 11. Jahrhundert.
Wir verfügen über außergewöhnliche Mittel, um zu kommunizieren, uns zu informieren und zu unterhalten. Aber es fällt uns manchmal immer schwerer, ein paar Minuten allein mit uns selbst zu sein … und mit Gott.
Der heilige Bruno erinnert uns daran, dass wir nicht jede Stille füllen müssen.
Manche Antworten zeigen sich, wenn wir aufhören zu hetzen.
Manche Wunden beginnen zu heilen, wenn wir bereit sind, innezuhalten.
Und manche Begegnungen mit Gott beginnen ganz einfach, wenn wir endlich den Mut haben, zu schweigen.
An diesem 6. Oktoberbitten wir also den Heiligen Bruno, uns zu lehren, diesen inneren Frieden wiederzufinden.
Auch wenn es nur ein paar Minuten sind.
Selbst mitten in einem hektischen Tag.
Lasst uns still werden.
Und lasst uns Gott einen Platz einräumen.
Einen schönen Festtag des Heiligen Bruno für alle!