Eine im Glauben verwurzelte Jugend
Bevor Leo XIV. zum Bischof von Rom gewählt wurde, hieß er Joseph Matthew Langston. Er wurde in einer Kleinstadt im Süden der USA in eine bescheidene katholische Familie mit italienischen und afroamerikanischen Wurzeln geboren. Seine Kindheit war von einem einfachen Glauben geprägt, der durch das Familiengebet, das Engagement in der Pfarrei und ein Leben in Nähe zu den Niedrigsten vermittelt wurde.
Schon früh zeigte er eine tiefe Vorliebe für das Lesen, die Stille und das Studium der Heiligen Schrift. Doch es sind vor allem seine Jugendjahre, die er in einem Kontext der sozialen Spaltung erlebt, die seinen Blick auf die Welt prägen. Er wuchs in einem Umfeld auf, in dem Ungerechtigkeit, Armut und Gewalt greifbar waren, Solidarität und Glaube jedoch lebendig blieben. In dieser Spannung zwischen menschlichem Schmerz und spiritueller Hoffnung entsteht seine Berufung.
Eine von der augustinischen Spiritualität genährte Ausbildung
Nach einem brillanten Studium der Philosophie und Theologie entschied er sich für den Eintritt in einen vom heiligen Augustinus inspirierten Orden. Diese Wahl ist nicht unbedeutend: In dem Kirchenlehrer aus Hippo findet er einen Weggefährten, einen Denker des unruhigen Herzens, einen Führer für denjenigen, der im Trubel der Welt nach Gott sucht.
Sein Weg führt ihn nach Rom, Jerusalem und dann nach Nordafrika, wo er die Wurzeln des Christentums vertieft. Er lernt mehrere Sprachen, knüpft interreligiöse Freundschaften und unterrichtet mehrere Jahre lang an einem theologischen Institut. Anschließend wird er Bischof in einer multikulturellen Großstadt in den USA, wo sein volksnaher, direkter und barmherziger pastoraler Stil ebenso anzieht wie verunsichert.
Ein Kardinal, der sich für die Peripherie einsetzt
Der von Papst Franziskus zum Kardinal kreierte Kardinal ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt, in kirchlichen Kreisen jedoch aufgrund seiner Ehrlichkeit, seiner inneren Freiheit und seines kompromisslosen Engagements für die Ausgegrenzten hoch geachtet. Er lehnt Luxus ab, lebt in einer bescheidenen Wohnung, kocht selbst und benutzt öffentliche Verkehrsmittel. Man sagt von ihm, er sei "der Kardinal, dem man in der Warteschlange mit den Sans-Papiers begegnet".
Seine Stimme wird bei den großen Fragen der sozialen Gerechtigkeit, des Klimas und des Friedens gehört. Er nimmt aktiv an mehreren Synoden teil, wo seine Beiträge durch ihre Offenheit und ihre im Evangelium verwurzelte Spiritualität beeindrucken.
Eine überraschende Wahl
Nach dem Tod seines Vorgängers wird das Konklave in einem Klima der Spannung eröffnet. Die Kardinäle suchen nach einem Mann, der eine Verbindung zwischen Tradition und Erneuerung, Strenge und Zärtlichkeit herstellen kann. Entgegen allen Erwartungen wird er am dritten Tag gewählt. Als er in der Loggia von St. Peter erscheint, sieht die Welt ein friedliches Gesicht, ein schüchternes Lächeln, einen Mann, der zunächst sagt: "Brüder und Schwestern, betet für mich."
Er wählt den Namen Leo XIV, als Hommage an Leo I. den Großen und Leo XIII., zwei Päpste, die in der Geschichte der Kirche und der Welt verankert sind. Dieser Name allein signalisiert den Willen, geistliche Autorität, doktrinäre Weisheit und die Sorge um soziale Fragen zu vereinen.
Ein Pontifikat der Wahrheit und der Liebe
Bereits in den ersten Monaten gibt Leo XIV. den Ton an: Besuche in Gefängnissen, Aufnahme von Flüchtlingen im Vatikan, Reform der Kirchenfinanzen, starke Worte gegen den Missbrauch. Er spricht wenig, aber jedes Wort ist wohlüberlegt. Er scheut sich nicht, die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie unbequem ist, aber immer im Geist des Friedens und der Barmherzigkeit.
Sein Motto In Veritate et Caritate wird zu einem Kompass für Gläubige wie für Kirchenverantwortliche. Er leitet mehrere Baustellen ein: eine Weltsynode über die Brüderlichkeit, eine Reform der Priesterausbildung, einen intensiveren Dialog mit Nichtgläubigen. Er stellt die augustinische Spiritualität in den Mittelpunkt seiner pastoralen Vision: Gott unermüdlich suchen, bedingungslos lieben, demütig dienen.
Eine spirituelle Figur für unsere Zeit
Heute wird Leo XIV. als ein Papst der Stille und der Tiefe anerkannt. Er versucht nicht zu verführen, sondern zu bekehren. Er sucht nicht nach Neuerungen um der Neuerungen willen, sondern nach der Rückkehr zum Wesentlichen: dem Evangelium, der Nächstenliebe, der Anbetung Gottes.
Sein Einfluss reicht weit über die Grenzen der Kirche hinaus. Intellektuelle, junge Menschen und Sinnsucher finden in ihm einen Orientierungspunkt. Nicht ein perfekter Mensch, sondern ein bewohnter Mensch, der durch seine Zerbrechlichkeit das Licht Gottes durchscheinen lässt.